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der neue Film von Milo Rau

Das neue Evangelium (OmU)



"Milo Rau gehört zu jenen Künstlern, die immer wieder dahin gehen, wo’s wehtut. Seine Bühnen- und Film-Essays bearbeiten oft, zugleich direkt und reflektiert, die Zuschauer*innen stets involvierend, die Bruchstellen unserer Zivilisationslegende: das Verbrechen, den Terror, das Unrecht. Man kann über beinahe jedes seiner Projekte und über jede Wahl seiner Mittel streiten. Etwas Besseres kann man von Kunst zurzeit kaum sagen." Georg Seeßlen, epd-Film

Eine Mischung aus Dokumentarfilm, politischem Aktivismus und Historienfilm ist „Das neue Evangelium, ein Film von Milo Rau, Schweizer Theatermacher, Autor und Filmregisseur. Entstanden anlässlich des Satus der süditalienischen Stadt Matera als Kulturhauptstadt Europas schneidet Rau viele Themen an.

Am 17. Dezember 20 hätte der Film, der bei den Filmfestspielen in Venedig für Aufmerksamkeit sorgte, auf den grossen Leinwänden in Deutschland starten sollen. Stattdessen erfolgt nun eine exklusive digitale Kinoauswertung, bei der die teilnehmenden Kinos konkret und unmittelbar an den Umsätzen beteiligt sein werden.

Wie funktioniert das DIGITALE KINO?
Unter www.dasneueevangelium.de wählt man beim Kauf seines Online-Kinoticket aus, welches Kino man beteiligen möchte. Der Film ist nach Bezahlung 24 Stunden streambar. Zusätzlich ist ein Gespräch mit Regisseur Milo
Rau und Hauptdarsteller & Politaktivist Yvan Sagnet als Bonusmaterial abrufbar.
Ein Einzelticket für 24 Stunden kostet 9,99€.
Weitere Informationen im beiliegenden Flyer und bei https://dasneueevangelium.de


FILMKRITIK:

Sie gilt als eine der ältesten Siedlungen der Menschheit, ist seit 1993 Weltkulturerbe und war 2019 Kulturhauptstadt Europas: Matera, eine inzwischen über 60.000 Einwohner zählende Stadt im südlichen Italien, 200 Kilometer östlich von Neapel, 50 Kilometer südlich von Bari gelegen. Berühmt ist Matera für seine Altstadt, für seine Höhlensiedlungen, in denen die Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg ausharrte, die auch Grund dafür ist, dass die Stadt für Filmregisseure beliebter Drehort war. So sehr erinnert Matera und die umliegende Landschaft an die karge Umgebung des antiken Jerusalems, das Pier Paolo Pasolini hier seinen Jesus-Film DAS 1. EVANGELIUM-MATTHÄUS drehte, später in Filmen wie MARY, ES BEGAB SICH ABER ZU DER ZEIT… oder DIE PASSION CHRISTI Variationen der Geschichte erzählt wurden.

In diese Tradition begibt sich nun auch Milo Rau, Schweizer Theatermacher, momentan Intendant am Theater im niederländischen Gent und bekannt für seine dezidiert politischen Stücke. Im KONGO TRIBUNAL beschäftigte er sich etwa mit dem Genozid in Zentralafrika, "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" thematisierte westliches Gutmenschentum, nun also ein neues Evangelium mit einem besonderen Dreh: Jesus wird von einem Schwarzen gespielt, Yvan Sagnet, ein Aktivist aus Kamerun.

Sagnet kam vor einigen Jahren aus seiner Heimat ins südliche Italien und geriet in die Fänge der dortigen Ausbeutungsstrukturen. Für wenig Geld arbeiten meist Afrikaner auf den von mafiösen Strukturen kontrollierten Feldern und pflücken das Obst und Gemüse, das gerade auch in Deutschland die Regale der Supermärkte füllt. Im Gegensatz zu vielen anderen gelang Sagnet der Ausbruch aus diesen Strukturen, sein Geld verdient er inzwischen als Ingenieur, kämpft nebenbei für bessere Arbeitsbedingungen, vor allem aber für Aufmerksamkeit für eines nur scheinbar lokal begrenztem Problems.

In dokumentarischen Szenen sieht man ihn in den ärmlichen Behausungen der Arbeiter, in Gesprächen mit Flüchtlingen, die später in Spielszenen Jesus Jünger geben. Aber auch einige professionelle Schauspieler sind zu sehen, darunter Enrique Irazoqui, der in Pasolinis Film den Jesus gespielt hatte oder Maia Morgenstern, die in Mel Gibsons PASSION CHRISTI Maria Magdalena war.
Einige der bekannten Stationen der Passionsgeschichte stellt Rau nach, variiert die Bilder, die aus den zahllosen Jesus-Filmen bekannt sind, lässt dabei den Bezug zwischen den historischen Figuren Jesus und seine Jüngern und den zeitgenössischen Migranten eher als Zeichen im Raum stehen, als ihn mit Bedeutung zu füllen. Welche Bezüge man hier zieht bleibt dem Zuschauer überlassen, ob die Situationen wirklich sinnvoll vergleichbar ist, bleibt offen.

Was bleibt sind die Bilder aus der Gegenwart, die Einblicke in die Ausbeutungsstrukturen, die durch unbedachten Konsum gefördert werden, und vor allem der Aktivist Yvan Sagnet, der auch ganz ohne religiösen Anstrich für Gerechtigkeit kämpft.

Michael Meyns, programmkino.de

 Offizielle Filmwebseite
jetzt jederzeit online fürs Eva streambar, nach dem Lockdown dann auch auf der Eva-Kinoleinwand