Eva Lichtspiele

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Winterreise (OmU)

...Bruno Ganz in seiner letzten Rolle !>

... nochmals am Sonntag (1.11.) um 18:00 Uhr in den Eva-Lichtspielen !
...Und dann wieder nach dem Lockdown 2




Martin Goldsmith rekonstruiert in diesem essayistischen Dokumentarfilm die Geschichte seiner jüdischen Eltern, die 1941 nach Amerika flohen. Die Vergangenheit der Eltern steckt voller Geheimnisse über die zuhause nie gesprochen wurde. Als er seinen alternden Vater damit konfrontiert, führt das Gespräch in die 1930er Jahre zurück nach Deutschland, wo Martins Eltern als junge Musiker Teil des neu gegründeten Jüdischen Kulturbundes waren, der von Goebbels initiiert wurde. Hier gaben sie alles für die Musik, bevor sie das schreckliche Ziel des Projekts erkannten. Mithilfe von aussergewöhnlich verwendetem Archivmaterial und inszenierten Interviews, die auf Gesprächen zwischen Martin und seinem Vater (gespielt von Bruno Ganz - seine letzte Filmrolle) basieren, gelingt eine Filmerzählung über Identität, Musik, Liebe in und nach dunklen Zeiten. Der Film basiert auf der realen Familiengeschichte des US-Amerikanischen Radiomoderators Martin Goldsmith, der in Arizona aufwuchs und lange nicht wusste, was seine Eltern Gunther und Rosemarie erlebt hatten bevor sie ihrer Heimat Deutschland 1941 entkamen.


FILMKRITIK:

Martin Goldsmith, heute ein erfolgreicher Radiomoderator und Autor in den USA, wusste über seine Eltern und Verwandten lange nur sehr wenig. Nur, dass sein Vater und seine Mutter beide deutschstämmig waren (der Vater stammte aus Oldenburg) und ein Großteil seiner Familie im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam. Nachdem seine Mutter gestorben war begann er, seinen Vater zur Vergangenheit der Familie im Deutschland der 1930er auszufragen.

Mit der NS-Schreckensherrschaft begann für die Juden in Deutschland die Zeit der Unterdrückung und Entrechtung. Goldsmiths Eltern, die 1941 vor den Nazis nach Arizona flüchteten, waren hochtalentierte und leidenschaftliche Musiker. In Berlin konnten sie ab 1935 als Mitglieder des „Kulturbund Deutscher Juden“ dennoch weiter musizieren. Bei dem Künstlerbund handelte es sich um eine nur zu Propagandazwecken geduldete Selbsthilfe-organisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Sie unterstand vollständig der Kontrolle der Reichskulturkammer und bestand bis 1941. Nach der Flucht in die Staaten versuchten die Goldmiths einen Neustart. „Winterreise“ folgt dem Sohn auf seinem Weg zurück.

Im Zentrum dieser unkonventionellen, feinfühligen Annäherung an die eigenen Wurzeln und die Familiengeschichte stehen die Unterredungen zwischen Martin Goldsmith und seinem Vater George Goldsmith (geborener Gunter Goldschmidt). In dessen Rolle schlüpft der große Charaktermime Bruno Ganz. Gekonnt legt er seine Figur als innerlich zerrissenen, zu Beginn immer wieder den Fragen des Sohnes ausweichenden alten Mann an, der mit der Vergangenheit hadert. Im weiteren Verlauf blitzen jedoch die Erinnerungsfetzen auf und es fügen sich die ins Gedächtnis eingebrannten Bilder der Hassparolen an jüdischen Geschäften, der Verfolgung und Ausgrenzung allmählich zu einem großen Ganzen. Dem dänischen Regisseur Anders Østergaard gelingt es so, das Puzzle Stück um Stück zusammenzusetzen.

Goldsmith schreckt nicht davor zurück, seinem Vater gleichsam unbequeme, unangenehme Fragen zu stellen. Wie hat es sich angefühlt, für einen NS-geführten Kulturverein zu musizieren? Wieso hat der Vater die Flötisten-Laufbahn in den USA beendet? Und wie konnte er so lange in den USA ausharren – ohne die geliebte Musik und trotz des Verlusts der Heimat? Bruno Ganz macht mit seinem dringlichen, mimisch facettenreichen und sehr emotionalen Spiel klar: einfache, kurze Antworten auf diese komplexen Fragen gibt es nicht. Dabei werden die Diskussionen durchaus auch mal etwas lauter, es wird gerungen und hitzig debattiert. Meinungsverschiedenheiten sind Teil dieser „familiären Reise“.

Dass Østergaard ebenso die künstlerischen, inszenatorischen Experimente nicht scheut, beweist er mit der Verschränkung von Dokumentation und Fiktion. Nachgestellte schwarz-weiß-Spielszenen aus Georges Leben verschmelzen mit Original-Fotos. Die Spielszenen vermitteln einen Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte. Auch wie die Kommunikation, Verhaltensweisen sowie die Ereignisse im privaten Raum während der sich für die Juden verschlimmernden Lage möglicherweise aussahen. Hinzu kommen seltene Familien- und Archiv-Fotografien sowie eine passende musikalische Untermalung (natürlich von Georges Lieblingskomponisten), die das stimmige Gesamtbild abrunden.

Björn Schneider, programmkino.de