Eva Lichtspiele

Blissestraße 18
10713 Berlin
U Blissestrasse oder Bus 101, 104, 249
Tel.: 030 / 922 55 305
Wir zeigen heute,
Dienstag, den 27.10.2020:


13:00 Eva:
Arrow Jim Knopf und die wilde 13

15:30 Eva:
Arrow Der Bär in mir

18:00 Eva:
Arrow Winterreise (OmU)

20:00 Eva:
Arrow Die Stimme des Regenwaldes

Eintrittspreise

Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution

... wieder am Dienstag (13.10.) um 17.45 Uhr sowie am Donnerstag (15.10.) um 16:00 Uhr! und am Sonntag (18.10) um 18:00 Uhr in den Eva-Lichtspielen !

Mit ihrer unwiderstehlichen Hymne auf den Kampf der Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre trifft Regisseurin Philippa Lowthorpe einen Nerv. Zeitgemäßer könnte ihre vielschichtige Hommage an weibliche Zivilcourage nicht sein. Basierend auf den wahren Ereignissen um die Wahl zur „Miss World“ 1970 in London, funktioniert ihr charmant inszenierter feministischer Agitprop mit seinen sorgfältig komponierten, detailgetreuen Bildern als packende Geschichtsstunde. “Die Misswahl” ist lebendiges, gefühlvolles, echtes Erzählkino. Ein unbedingt sehenswerter Frauenfilm mit der grandiosen Keira Knightly in der Hauptrolle sowie einem exzellenten Schauspielensemble, der auch ein männliches Publikum nicht kalt lassen sollte.




FILMKRITIK:

London 1970, Royal Albert Hall. „Ich habe genug von den Emanzen, die behaupten, das sei nichts als ein Viehmarkt“, verkündet der legendäre amerikanische Entertainer Bob Hope (Greg Kinnear) als Moderator des alljährlichen „Miss World“-Wettbewerbes. „Bei mir geht das bei einem Ohr rein und zum Euter wieder raus“. Neben Großveranstaltungen wie den Olympischen Sommerspielen oder der Mondlandung zählt der Schönheitswettbewerb zu den historischen Ereignissen. Doch der smarte Chauvi erlebt diesmal bei der weltweit beliebtesten Livesendung mit 100 Millionen Zuschauern an den Fernsehgeräten rund um den Globus, eine besondere Überraschung. Eine spektakuläre Aktion sorgt für Schlagzeilen.

Doch noch kurz vor der Gala erklärt Organisator und Impresario Eric Morley (Rhys Ifans) freilich den wartenden Journalisten selbstsicher:„Wenn die Maße nicht 90,60, 90 sind, sitzen die Kurven nicht an den richtigen Stellen“. Und so stehen die Bewerberinnen Schlange, um gemessen zu werden. Darunter die schwarze Südafrikanerin Pearl Jansen (Loreece Harrison). In letzter Minute wurde die Fabrikarbeiterin eingeflogen. Scheinheilig wollten die Veranstalter damit der britischen Antiarpartheidbewegung den Wind aus den Segeln nehmen. Und so entsteht die groteske Situation, dass plötzlich zwei „Miss Südafrika“ auftauchen: eine weiße und eine afrikanische, dem allgemeinen Rassismus zum Trotz. Und auch mit Miss Grenada Jennifer Hosten (Gugu Mbatha-Raw) hofft eine weitere „Woman of Colour“ auf den Sieg. Die alleinerziehende Mutter und Geschichtsstudentin Sally Alexander jedoch findet das angeblich familientaugliche Massen-Entertainment wenig amüsant.
Was wird aus ihrer kleinen Tochter Abbie (Maya Kelly), wenn sie später nach ihren Bikini-Maßen bewertet wird? Als sie sieht, wie Abbie den Fernsehbericht über den bevorstehenden Miss World Wettbewerb regelrecht aufsaugt und die Schönheitsköniginnen imitiert, ist sie entsetzt. Nicht umsonst nahm sie vor kurzem, frustiert über die Ignoranz ihrer männlichen Kommilitonen, am ersten Treffen der neu gegründeten Frauenbewegung teil. Dort lernt sie die rebellische Jo Robinson (Jessie Buckley) und ihre Mitstreiterinnen aus dem Women‘s Liberation Movement kennen.

Entschlossen beschließt sie zusammen mit der Gruppe die sexistische Show zu boykottieren und ein Zeichen für alle Frauen zu setzen. In einer scheinbar ausgewogenen Fernsehdiskussion bringt Sally die Situation auf dem Punkt: „Warum sollte sich eine Frau ihren Platz in der Welt verdienen müssen, indem sie besonders aussieht?“ Das gelte für Männer doch auch nicht. Die intensive Präsenz von Hauptdarstellerin Keira Knighly besticht in jeder Szene. Die kapriziöse, selbstkritische Londonerin mit den gemeißelten Wangenknochen, deren impulsive Grazie an Audrey Hepburn erinnert, ist längst zu einer ernsthaften Schauspielerin gereift.

Wieder einmal beweist die 35jährige, dass sie nicht nur ein Faible für starke Frauen in historischen Kostümdramen besitzt. Dieses enge Korsett zu verlassen und mutige Frauen in der Jetztzeit zu verkörpern kommt der aparten Stilikone sichtlich entgegen. Das zeigte die Mutter von zwei kleine Töchtern nicht zuletzt als Whistleblowerin Katharine Gun im spannenden Politthriller „Official Secrets“. „Sexuelle Diskriminierung existiert noch immer, und oft werden Frauen vor allem wegen ihres Aussehens geschätzt“, weiß sie. Und: „Die einzige Industrie der Welt, in der Frauen besser als Männer bezahlt werden, ist das Model Business“.

Regisseurin Philippa Lowthorpe lädt ein auf eine erhellende Zeitreise, die mit der Ernennung der „Miss World“ aus Grenada zumindest in Sachen Rassismus damals etwas Fortschritt zuließ. Doch um Frauen aus der Schublade des schmückenden Beiwerks von Männern, zu befreien, muss noch einiges passieren. Und so ist dem Satz im Abspann: Die „Bemühungen, das Patriachat zu Fall zu bringen, dauern bis heute an“ nichts hinzuzufügen.

(Luitgard Koch, programmkino.de)